Tiere und Intelligenz

Ein Artikel für das Tellington TTouch Magazin 1/2019

 

Die Frage ist nicht, ob Tiere intelligent sind.

Die Frage ist, was wir davon sehen können und wollen.

 

Als meine Großmutter nicht mehr so gut zu Fuß war auf ihren langen Spaziergängen, bat sie ihre Hündin Jette, beim Hinuntergehen vom Deich nah bei ihr zu bleiben, damit sie nicht stürzt. Seit dem Tag wich ihr Jette bei keiner Steigung mehr von der Seite.

 

Meine Stute Sheila hasste es, im Pferdehänger transportiert zu werden und weigerte sich oft beharrlich, einzusteigen. Als wir zu unserem eigenen Hof aufbrechen wollten, bei dem wir fortan und bis zu ihrem Lebensende zusammen wohnten, stieg sie bereitwillig und entspannt ein. Wenn wir die Futterstellen für Vögel und Eichhörnchen auffüllen, „spricht es sich herum“ und in kürzester Zeit tauchen auch die Tiere auf, die uns nicht hören oder sehen hätten können.

 

Nach rund 20 Jahren Tierkommunikation, davon 18 als vollberufliche Lehrerin und Ausbilderin, wundere ich mich uüber solche Erlebnisse nicht mehr. Tiere haben an unserem Leben mit allen Facetten teil. Sie wissen viel von dem, was wir tun und verstehen oft genau, was uns wichtig ist. Und diesen Teil möchte ich gern näher betrachten.

 

Wie bei uns Menschen gibt es auch unter Tieren große Unterschiede im Bezug darauf, wie Intelligenz verteilt ist und wie sie eingesetzt wird. Die berühmte Hündin Chaser, die 1000 Gegenstände unterscheiden kann, ist nicht zwangsläufig intelligenter als Jette, die Hündin meiner Großmutter.

 

Tiere, die mit uns zusammen leben, entwickeln ihre Fähigkeiten oft mit uns. Sie werden beeinflusst von dem, was wir fordern, fördern und auch wünschen oder brauchen. Eine Besonderheit im Zusammenleben von Tier und Mensch, die übrigens nicht einseitig ist. Wer hat sich nicht schon für seine Tiere besonderes Wissen oder erweiterte Fähigkeiten angeeignet, weil der Bedarf oder der Wunsch da war. Diese ändern sich je nach Konstellation, und Mensch und Tier lernen und entwickeln sich stetig weiter.

 

Meine Beobachtung über die Jahre ist es, dass Tiere, denen auf Augenhöhe begegnet wird, wirklich zeigen können, was in ihnen steckt. Und je mehr wir das wiederum würdigen, desto mehr zeigen sie davon. Es ist immer da, aber so leicht zu übersehen, wenn man Tiere als „nur Tiere“ betrachtet. Somit ist Beobachtung und in der Folge auch ein Anerkennen von Intelligenz in unseren Tieren eine wichtige Grundlage. Wenn wir diese haben, kommt der nächste wichtige Schritt: Kommunikation.

 

Unsere Kommunikation besteht zu einem Großteil aus Sprache. Und auch mit unseren Tieren sprechen wir. Dadurch, dass sie sich verbal nicht ausdrücken können, wird Tieren in der Regel, abgesehen von ein paar Begriffen und Phrasen, das Verstehen der menschlichen Sprache abgesprochen.

 

In meiner täglichen Arbeit sehe ich das Gegenteil. Tiere verstehen menschliche Sprache und komplexe Zusammenhänge sehr genau. Das liegt daran, dass sie die Botschaft hinter dem Wort verstehen. Denken wir zum Beispiel an das Wort „Tennisball“. Dieser hat in eine gelbe Farbe und weiße Streifen. Er ist mit einem Stoff bezogen, der eine Art raues Vlies ist. Man kann ihn leicht zusammendrücken, er hat also eine hohe Spannkraft. Er riecht ein wenig nach Turnhalle und Plastik. Er bedeutet mir persönlich nichts, aber einem Tennisspieler jede Menge. Wir alle wissen, wofür er benutzt wird - und wie. Er wiegt etwa sechzig Gramm. Sein Durchmesser beträgt ca. zwölf Zentimeter, er passt genau in die Handfläche. Und wenn man ihn probieren würde, schmeckte er wohl so, wie er riecht.

 

All diese Informationen stecken hinter dem Wort „Tennisball“. Wenn wir also mit einem Tier sprechen, senden wir genau diese Information. Wir ergänzen dann das Wort „Tennisball“, weil der menschliche Geist von der Sprache beeinflusst wird und wir die Dinge gern benennen. Wenn wir also davon sprechen, wir haben dem Tier gesagt „Ich spiele gern Tennis“, dann meinen wir eigentlich: Ich habe dem Tier ein Gefühl davon geschickt, dass ich gern Tennis spiele. Diese Kommunikation funktioniert übrigens umgekehrt genauso.

 

Die Voraussetzung dafür, dass Tiere uns verstehen, ist dass wir wirklich meinen, was wir sagen und sehr klar sind. Als Richtlinie empfehle ich immer, Tieren komplexe Zusammenhänge so zu erklären, wie man sie einem Erstklässler erklären würde. Klar, freundlich, ohne unnötigen Schnickschnack, und positiv, wann immer möglich.

 

Dieser Exkurs in die Kommunikation ist mir deshalb so wichtig, weil Kommunikation, ob nun mit Hilfe von Sprache, Körper oder mit Hilfe des Geistes, so essentiell ist für gelebte Intelligenz. In einer Beziehung, in der Mensch und Tier gleichermaßen beitragen dürfen und Selbstbestimmung so weit es geht ermöglicht wird, zeigen und entwickeln sich Tiere völlig anders als in einem Umfeld, in dem das Tier als ausführend und beschränkt betrachtet wird.

 

Wie wir also unsere Tiere wahrnehmen, was wir ihnen erlauben, zu zeigen und zu sein, lässt sie, wie uns Menschen auch, wachsen und ihr Potential entfalten. Tiere sind nicht mehr oder weniger intelligent als wir. Sie sind uns genauso wenig überlegen, wie sie uns unterlegen sind. Sie sind individuell stark unterschiedlich in ihrem Wunsch, zu kommunizieren und sollten genauso wenig verallgemeinernd eingeschätzt werden, wie Menschen. Schließlich ist es auch ein Zeichen menschlicher Intelligenz, sich für den Gedanken zu öffnen, dass sich die Intelligenz in anderen Wesen auch auf andere Weise zeigt.

 

Und das ist das eigentliche Geheimnis, das keines sein sollte: Sie sind wie wir.

 

Wer sich für das volle Potential seiner Tiere öffnen möchte, kann folgende Übung probieren:

Zu einer ruhigen Zeit, wenn es wenig Ablenkung und keinerlei Stress gibt, begib dich in die Nähe deines Freundes in Tiergestalt. Sieh ihn sanft an und lade ihn ein, zu dir zu kommen. Möchte er das nicht, lass ihn sein, wo er ist. Sprich ihn mit leiser Stimme und weichem Blick an und teile ihm in etwa folgendes mit: „Ich weiß, du bist mehr, als ich sehe. Ich spüre, dass du mir noch mehr zu sagen hast, auch wenn ich nicht immer alles verstehe und bemerke. Ich bitte dich, mir dabei zu helfen, dich noch besser verstehen zu können.“ Dann danke ihm und schau mal, ob sich etwas zwischen euch verändert.