Das Pferd wohnt in einer Box und wiehert seinem Menschen entgegen? Das heißt gar nichts.

Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich mit B. mein erstes Pflegepony. Im Winter lebte er in der Box, im Sommer war er stundenweise auf der Weide. Schon bald begrüßte er mich wiehernd, wenn er mich am Ende der langen Stallgasse kommen sah. Glücklich rief ich seinen Namen und mein Herz wurde warm, wenn ich seine Stimme hörte.

 

Komisch war nur: Auf der Weide wiehrte er mir nicht entgegen. Er kam nicht mal. Einige Male ging er sogar weg, so dass ich schnell merkte, dass ich, wie viele andere in dem Stall auch, das Halfter hinter dem Rücken und eine Möhre in der Hand haben musste, um die Aufmerksamkeit des Pferdes zu bekommen, das ich von der Weide holen wollte. Das Pferd, das ich lieb hatte, das, von dem ich glaubte, es hatte mich auch lieb, wollte in seiner Freizeit nichts von mir wissen.

 

Heute weiß ich: Die wenige Zeit, in der er einfach Pferd sein durfte, hatte B. weiß Gott nicht vor, mit einem Grünschnabel wie mir auf dem Rücken, mit enger Trense, einem bewegungseinschränkenden Ausbindezügel, einem teuren, aber schlecht sitzenden Sattel in einer stickigen Reithalle zu verbringen. Nicht, wenn er endlich mal aus der verdammten Box raus ist.

 

Und ja, aus vielen Kommunikationen und durch meine Arbeit als Lehrerin für Tellington TTouch® weiß ich natürlich, es gibt Pferde, die aus unterschiedlichen Gründen eine Box als Rückzugsort schätzen. Manchmal für die Nacht, manchmal stundenweise, manchmal wegen Verletzung oder Krankheit oder Alter. Von diesen Fällen rede ich hier nicht.

 

Ich rede von den Fällen wie Pony B., dessen einzige Chance auf Bewegung im Winter es war, geritten zu werden. Auf das Wie gehe ich hier gar nicht detailliert ein, nur so viel: Er lebte in einem sehr konventionellen Reitstall, in dem kein einziger Reiter verstanden hat, dass Pferde niemals fit durch Ausbildezügel und im Kreis laufen werden.

 

Ich rede in diesem Zuge auch von den vielen zehnjährigen Mädchen, die wie ich im Stall keine Vorbilder hatten, die ihnen sagten, dass das nicht ok ist, was die Pferde hier erleben. Deren kleine Funken von Vernunft „Heißt das, er ist im Winter immer in der Box?“ erstickt werden unter der Löschdecke solch dämlicher Argumente wie „Verletzungsgefahr“ und „Rittigkeit“. Und die einfach so dumm bleiben, wie ich es war. Die wie ich nicht hinhören, was das Pferd ihnen deutlich zu sagen versucht. Es tut mir so leid, B., dass ich dir nicht zugehört habe. Es tut mir so leid, kritiklos mit angesehen zu haben, dass du so leben musstest. Du hast was besseres verdient.

 

Weil ich immerhin dem Klima in diesem Stall nicht lange gewachsen war (wohlwollend möchte ich glauben, irgendwo doch gespürt zu haben, dass das alles hier falsch ist), fand ich schweren Herzens ein neues Pflegepony, das in Offenstallhaltung wohnte.

 

M. war ein toller Lehrer. Denn es dauerte Monate, bis er das erste Mal sanft blubbernd von ganz hinten auf der Weide auf mich zukam. Ich war so glücklich. Und diesmal überdauert das Glück Raum und Zeit, denn hier, 27 Jahre später, sitze ich mit Gänsehaut und Tränen in den Augen in der Erinnerung an diesen Moment als elfjähriges Mädchen. Diesen Moment, das erste Mal echte Liebe von einem Pferd zu empfangen, was überall sonst sein könnte, aber jetzt hier bei mir ist, weil wir Freunde sind.

 

Ich werde M. ewig dankbar sein. Und seiner Menschin („Besitzerin“), die hingehört hat, was Pferde brauchen, und danach sein Zuhause ausgewählt hat. Die wusste, dass Pferde Fluchttiere sind. Herdentiere. Die von Bewegung, Sicherheit durch einen gewachsenen Herdenverband und gleichmäßiger Futterversorgung rund um die Uhr leben. Und dann, wenn das alles stimmt, eine echte Beziehung mit Menschen führen können.

 

Erst dann gilt das Wiehern wirklich uns.