Indiskrete Nachfragen

Mein Opa (1933-2018) und Jette
Mein Opa (1933-2018) und Jette

Antworten, die ich nie geben musste, als ich mit meinen Großeltern unterwegs war. Auf Spaziergängen mit meinen Hundesenioren aber schon, wenn es nach einigen Leuten ginge.

Ja, sie hat leichte Arthrose. Ist in Behandlung. Und nein, er sieht noch gut. Das ist eine altersbedingte Trübung der Linse, die die Sehkraft nicht beeinträchtigt. Ja, für das Alter sehen die zwei gut aus. Tut mir leid, dass Ihrer in dem Alter schon zwei Jahre tot war. Oder: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, dass Sie Ihren in dem Alter gehen lassen mussten. Oder dass er inkontinent war. Oder taub. Nein, ich finde nicht, dass sie älter wirkt als er. Oder er als sie. Und ich finde das außerdem auch nicht wichtig. Und ja, man sieht, dass die Beine schwächer bemuskelt sind. Er ist kein Extremsportler. Ja, die Atmung ist bei Anstrengung lauter. Nein, ich finde es nicht schlimm, dass sie etwas langsamer reagieren, ich hab Zeit und sie sind mit mir auch immer geduldig. Nein, ich bin nicht auf der Suche nach jüngeren Nachfolgern. Und ja, natürlich genieße ich die Zeit, aber ich tu nicht ständig so, als sei der Sensenmann direkt um die Ecke.

So würden wir nie über Menschen in deren Anwesenheit sprechen. Warum also bei Hunden? Ich weiche solchen Gesprächen diskret aus. Ich möchte sie mit Fremden nicht führen. Aus verschiedenen Gründen. Der wichtigste: Hunde haben ein Recht auf Privatsphäre. Sie können uns verstehen. Weiterhin: Auch ich möchte Privatsphäre. Wer sagt denn, dass mir an diesem Tag danach ist, über den Gesundheitszustand meiner geliebten Familienmitglieder zu sprechen, egal, wie gut oder schlecht er ist? Ich verstehe, dass Menschen Erstaunen ausdrücken wollen, wenn sie den Zustand der Hunde bewundern, aber dem liegt die grundsätzliche Überzeugung zugrunde, dass das eigentlich in dem Alter anders ist. Wer sagt das denn? Und wer sagt, dass ich jetzt in diesem Moment darüber nachdenken und reden muss?

 

Natürlich sehe ich Vergänglichkeit. Und wie sie sich ankündigt. Sehr genau. Und privat darf man einiges. Da darf ich mit den engsten Vertrauten über den Altersstarrsinn schmunzeln. Da darf ich mir auch mal Sorgen machen. Genau nachfragen. Beobachten, bis man mir einen kritischen Blick zuwirft und mich bittet, meine Stirn wieder glatt zu machen. Über das Leben nachdenken und das, was danach kommt. Einmal mehr betüdeln, einmal mehr nach dem Rechten sehen, einmal mehr da sein statt unterwegs. Aber die Wahl, wann diese Themen Raum bekommen, sollte doch bei denen legen, die es betrifft. Beim engsten Kreis. Und nicht bei Fremden unterwegs.